ESSAY II
Thema 1: Mauss, Van Gennep
Arnold van Gennep
Arnold van Gennep wurde 1873 in Ludwigsburg in Deutschland geboren und wurde nach der Trennung seiner Eltern von seiner Mutter in Savoyen aufgezogen. Schon von Kindheit an lernte er die Sprachen Französisch, Deutsch, Englisch, Italienisch und Spanisch.
Von 1912 bis 1915 hatte er einen Lehrstuhl in Neuchâtel in der Schweiz inne. 1915 wurde er aber aus der Schweiz ausgewiesen, da er öffentlich auf die Verletzung der schweizer Neutralität durch deutschsprachige Schweizer hingewiesen hatte.
Er zog nach Frankreich und half zunächst bei den Kriegsanstrengungen Frankreichs. Danach verdiente er sein Geld mit Übersetzungsarbeit und verschiedenen administrativen Posten.
Er starb 1957 in Bourg-la-Reine.
Im ersten Abschnitt seiner Forschungsarbeit bis ca. 1900 - 1920 beschäftigte er sich hauptsächlich mit der Suche nach allgemeinen wissenschaftlichen Theorien hauptsächlich über Religion, Totemismus, Tabu, Mythen und Riten. Während dieser Zeit entlarvte er, obwohl er selbst keine Feldforschung bei indigenen Völkern betrieb, einige Spekulative Theorien, unter anderem von Durkheim, dem einflussreichsten Ethnologen oder Soziologen, des damaligen Frankreichs, was ihm jedoch große Ignoranz seiner Kollegen einbrachte. Deswegen ordnete er sich auch nicht der französichen Universitätshierarchie unter, sondern führte ein unabhängiges wissenschaftliches Leben abseits davon.
Das kritischste Werk aus dieser Zeit ist wohl „L’état actuel du problème totémique“ von 1920. Van Gennep behauptete dabei die selben Texte untersucht zu haben wie Durkheim für sein Modell des Totemismus (in „Les formes élémentaires de la vie religieuse“, 1912), nur dass er sie für fehlerhaft empfand. Er meinte auch, „producing a whole theory of religion from one poorly reported ethnographic area was (...) wrong in principle...” [1]. Weiters sagt man, „Van Gennep was also one of the first to make the criticism that Durkheim had reified society as a thing in a manner that completely ruled out individual initiative.” [1]
Ab ca. 1920 bis zu seinem Tod 1957 widmete er sich der Volkskunde in Frankreich. Er begab sich hiezu oft auf Feldforschung in Frankreich und anderen Teilen Europas und lernte sehr viele lokale Dialekte. Er konnte insgesamt 18 Sprachen. Das half ihm sehr bei der Erforschung der französischen Folklore. Sein Bemühen richtete sich dabei nicht auf die Darstellung alter Brauche, Überlieferungen und anderer „survivals“, sonder auf synchrone und holistische Betrachtungen einzelner Volksgruppen. Sein Hauptwerk dazu ist das „Manuel d’ethnographie français contemporain“, welches in mehreren Bänden von 1937 bis 1953 entstand.
Les rites de passsage
„Les rites de passage, in which he uses rich ethnographic data to support a model of ritual process, has often been cited and sometimes modified, but never essentially criticized or surpassed since it first appeared.” [1] “Übergangsriten”, so die deutsche Übersetzung, ist das definitiv berühmteste Werk von Arnold van Gennep, welches bereits 1909 erschien. In Großbritannien bald ein Schlager, wurde dieses Werk in Frankreich lange Zeit ignoriert und kritisiert, hauptsächlich weil Van Gennep dort von der damals vorherrschenden Durkeim’schen Schule als nicht konform gehandelt wurde. Marcel Mauss schrieb bereits noch im selben Jahr für „L’Année sociologique“, der Zeitschrift der Durkheimschule, einen Verriss, wo er Van Gennep unter anderem unterstellte, dass er damit ein absolutes Gesetz über Übergangsriten aufstellen wolle. Van Gennep wollte in Wirklichkeit ein „heuristisches und methodologisches Modell liefern, dass die innere Logik, Funktion und Struktur der Übergangsriten erhellte.“ [2] Als solches waren die Ansätze und Gedanken in diesem Buch noch ausbaufähig und beflügelte einige Anthropologen vor allem in Großbritannien und später in den Vereinigten Staaten zu neuen Denkansätzen und Theorien. Genannt sein nur der berühmteste Nachfolger Van Genneps, der Schotte Victor Turner (1920-1983).
Zum Inhalt:
Am Besten lässt sich wohl der Inhalt der „Übergangsriten“ durch einige Zitate des ersten Kapitels dieses Buches wiedergeben: „Jede Veränderung im Leben eines Individuums erfordert teils profane, teils sakrale Aktionen und Reaktionen, die reglementiert und überwacht werden müssen, damit die Gesellschaft als Ganzes weder in Konflikt gerät, noch Schaden nimmt.“ [3] Diese Veränderungen, beziehungsweise die damit verbundenen Aktionen, behandelt Van Gennep unterteilt in acht Kapitel, wobei er der Überzeugung nachgeht, dass „zu jedem dieser Ereignisse (...) Zeremonien (gehören), deren Ziel identisch ist: Das Individuum aus einer genau definierten Situation in eine andere, ebenso genau definierte hinüberzuführen.“ [3] Dabei ist ihm das größte Anliegen, Gleichheiten herauszufinden, denn er meint, wenn das Ziel das Gleiche ist, so müssen auch die Mittel gleich, oder zumindest analog sein.
Bevor er aber speziell auf Übergangsriten eingeht, stellt er vier Gegensatzpaare auf, nach denen alle Riten eingeteilt werden können: Animistische und dynamische Riten, sympathetische und kontagiöse Riten, positive und negative Riten und direkte und indirekte Riten. Er betont aber, dass keine Zuteilung absolut sein muss und es oft schwierig ist ohne den strukturellen Hintergrund mancher Riten sie zuteilen zu können. Zum Beispiel: Wird bei einer rituellen Heilung eines Menschen die Krankheit beschworen (dynamisch), oder ein Geist, der die Krankheit heilen soll(animistisch)?
Die Übergangsriten selbst kategorisiert er in drei Teile: Trennungsriten, Schwellen- bzw. Umwandlungsriten (Schwellenriten beziehen sich auf Raumwechsel, Umwandlungsriten auf Zustandswechsel) und Angliederungsriten. Man bezeichnet diese Riten auch als Ablösungsphase, Laminalitätsphase und Integrationsphase. Diese Dreiteilung ist aber oft nicht von vornherein ersichtlich, wird aber laut Van Gennep bei genauerer Betrachtung eines Ritus sichtbar. Die grobe Einteilung der Übergangsriten nimmt Van Gennep so vor: Räumliche Übergänge, Ein- und Ausgliederung eines Individuums in/aus eine(r) Gruppe, Schwangerschaft und Niederkunft, Geburt und Kindheit, Initiationsriten, Verlobung und Heirat und Bestattung.
Marcel Mauss
Marcel Mauss wurde 1872 in Epinal, in Frankreich, geboren. Er studierte zusammen mit Durkheim in Bordeaux und ging mit demselben 1902 nach Paris. Da sein Vater sehr früh gestorben ist, nahm sich Durkheim, der Bruder seiner Mutter, um ihn an und wurde so zu einer Art Vater für Mauss. Auch nach dem Studium heißt es, Mauss „stands out as Durkheim’s closest collaborator.“ [4]
In Paris arbeitete er an verschiedenen Schulen und Instituten, bis der erste Weltkrieg die Leben vieler Kollegen von ihm verschlang. Unter den schweren Verlusten war auch sein Onkel Durkheim zu beklagen, der 1917 starb. Nun war es an Mauss, die Lehren Durkheims und anderer Kollegen weiterzuführen. Er verbrachte viel Zeit dabei, unvollständige Werke und Arbeiten seiner Kollegen zu vervollständigen und zu publizieren. Daneben bildete er eine neue Generation on Soziologen, Anthropologen und Museumskundler, darunter Namen wie Claude Lévi-Strauss oder Luis Dumont, aus, die er nach den Durkheim’schen Lehren erzog. Ein Sprachrohr für diese Schule war die Zeitschrift „Lánée Sociolique“, welche Mauss als Nachfolger von Durkheim ab 1917 herausgab und die meisten seiner Werke darin veröffentlichte. Er selbst gab nie ein Werk unter seinem eigenen Namen heraus!
Von den Nazis zum Ruhestand gezwungen, arbeitete er die letzten zehn Jahre seines Lebens nicht mehr und verstarb 1950 in Paris.
Mauss wollte die Lehren und Ideen Durkheims vervollständigen und verbessern, war aber doch anders als Durkheim und kam so auch auf andere Ideen. „He often rejected the idea of building a System in the manner of Durkheim“ [5], da er nicht versuchte „a natural science of society“ aufzustellen, sondern „his project consisted in describing and classifying greatly different societies in order to look for structural similarities.“ [6] Es wurde ihm auch nachgesagt, „that his preference for facts over theory made him more positivist than his uncle.“ [5] Und so mögen manche aus heutiger Sicht meinen, dass er sicher mehr Anthropologe war als sein Onkel. Jedoch Feldforschung betrieb er genauso wenig wie sein Onkel.
Dafür hatte er in der Theorienbildung einige Probleme. Alleingelassen nach dem Weltkrieg, hatte er nämlich Zweifel daran, dass das Sakrale nicht so bedeutend war, wie Durkheim es behauptete. So begann er mana, die Vorstellung an eine übernatürliche Kraft, als ein Symbol für sozialen Zusammenhalt zu sehen. Überdies begann er von „magicoreligious“ zu sprechen und führte so die Vorstellung von Religion, also theoretischem Glauben, und Magie, die praktische Durchführung des Glaubens, zu einem Begriff zusammen.
Wie sein Onkel aber auch, setzte er sich sehr mit Evolutionismus auseinander und publizierte bereits 1903 noch mit Durkheim „Primitive Classification“. Darin war die Evolution von Kulturen mit ihrer Religion stark verbunden. Ausgehend natürlich vom Totemismus, den Durkheim als Ur-Religion sah.
Essai sur le don
Im "Essai sur le don", zu Deutsch "Die Gabe", das 1923-1924 in seiner Zeitschrift "L'année sociologique" veröffentlicht wurde, versuchte Marcel Mauss einige Formen von Geschenken beschreiben und die Hintergründe dazu herausarbeiten. Dabei verwendete er holistische Ansätze, da er meint „that in the study of any topic of sociological interest all the relevant social aspects should be taken into account and the topic itself should be proberly situated within the society as a whole.” [4] Die beiden Formen des Schenkens, die Mauss am meisten beeindruckten waren der Kula-Handel bei den Trobriandern in Melanesien und der Potlatch bei den Kwakiutl und ihren Nachbarn an der Nord-West-Küste Nord-Amerikas.
Zum Inhalt:
Bei den Trobriandern geht es um einen zyklischen Austausch von zweierlei Wertgegenstände, die innerhalb einer kreisförmig angeordneten Inselgruppe weitergeschenkt werden. Die roten Muschelhalsketten, welche im Uhrzeigersinn geschenkt werden, und die weißen Muschelarmbänder, welche gegen den Uhrzeigersinn geschenkt werden. Wenn jemand eine Muschelkette bekommt, bekommt er auch den Namen des Vorbesitzers und vielleicht eine kleine Geschichte dazugeliefert. Er behält sie sich ein wenig und schenkt sie nach einiger Zeit wieder weiter.
Die Kwakiutl, hauptsächlich Jäger und Fischer, hatte ein sehr ausgeprägtes hierarchisches System. Dabei musste sich sozusagen die Aristokratie ihren Rang durch Geschenke erhalten. Je mehr man schenkte, desto höher war das Ansehen. „This competition, which could be described as competitive gift exchange, contains a mechanism for acceleration.“ [7] So kommen natürlich immer mehr Gegenstände in den Geschenkehandel. So veranstaltete der Chief eines Clans jeden Winter ein Fest, an dem die Waren getauscht werden sollten, wo aber Wertgegenstände verbrannt und zerstört wurden, als Zeichen des Wohlstandes. Um 1930 wurde dieser außer Kontrolle geratene Brauch von den USA und Kanada behördlich verboten. Mauss sieht aber eine mildere Form dieses Brauches in Frankreich, nämlich im darbringen möglichst teurer Hochzeitsgeschenke.
Die beiden Ursachen für ein derartiges Schenken sind wohl Ansehen und Reziprozität. Ansehen deshalb bei Kula, da wie gesagt das Geschenk den Namen des Vorbesitzers trägt. Wenn dei Muscheln schön sind, wird man sich dessen erinnern und ihm einmal eine genauso schöne zurückschenken. Ein Kontakt ist geknüpft. Beim Potlatch erübrigt sich wohl die Fragen nach dem Ansehen. Reziprozität soll bedeuten, dass, wie Eriksen schön formuliert, „the obligation to give implies the obligation to receive.” [7] Das kann sowohl Materiell als auch im sozialen Sinn sein. Und Bernard sagt vortefflich: "The gift, in other words, is not free." [8]
Mauss beschreibt nun solche Geschenke als „préstations totales“ oder „totales soziales Phänomen“, denn „they involve the entire person and embody, by symbolic associaton, the totality of social relation and cultural values in society.“ [7] Es werden damit alle Bereiche einer Kultur angesprochen: Religion, Recht, Moral und Wirtschaft. Er sah dieses „totale soziale Phänomen“ jedoch nicht als absolut an, denn er behandelte auch das Opfer und meinte, dass es zum Ziel hat, „to establish a particular kind of relationship to divine powers, but it also seved to integrate society.“ [9]
Wie sind die beiden Autoren im Kontinuum ausgehend vom Durkheim’schen Werk bis zum Strukturalismus einzuordnen?
Ich meine man könnte beide genau dazwischen ansetzen, natürlich nicht mit dem selben Stellenwert und den gleichen Überzeugungen. Van Gennep distanzierte sich stärker von Durkheim, der für ihn zu rigide war und indigene Völker nur zur bildung einer Theorie betrachtete, ohne sie als ganzes zu sehen, was sehr stark bei den Aborigines in bezug auf Totemismus beobachtet werden kann. Denn Van Gennep meint man solle auch die inneren sozialen Mechanismen einer einfachen Kultur betrachten und erkennen, dass diese oft genauso komplex sind, wie bei „zivilisierten“ Gesellschaften. Weiters spricht sich Van Gennep gegen die Anwendung einer historischen Methode (Evolutionismus) aus, sondern versucht eine Gesellschaft als dynamisch-funktionale Ganzheit zu erklären und betrachten. So steht er den Briten sehr nahe, versucht aber trotzdem einen eigenen Weg zu gehen.
Mauss ist sozusagen der direkte Übergang von Durkheim zum Strukturalismus. Als Schüler Durkheims nimmt er sein Werk und seine Teorien her, verändert oder ergänzt sie (siehe oben) und wiederum Mauss Schüler Claude Levi-Strauss macht das selbe mit Mauss’ Theorien und Denkansätzen.
- Parkin, Robert in Bart, Fredrik: One discipline, four ways; Chicago, 2005
- Van Gennep, Arnold: Übergangsriten; Frankfurt/Main, 1999
- Eriksen, Thomas Hylland: Small Places, Large Issues; London, 2001
- Barnard, Alan: History and theory in anthropology; Cambridge, 2004
[2] Van Gennep, Arnold: Übergangsriten; Frankfurt/Main, 1999; Nachwort Seite 240
[3] Eriksen, Thomas Hylland: Small Places, Large Issues; London, 2001; Seite 15
[4] Parkin, Robert in Bart, Fredrik: One discipline, four ways; Chicago, 2005; Seite 184
[5] Parkin, Robert in Bart, Fredrik: One discipline, four ways; Chicago, 2005; Seite 187
[6] Eriksen, Thomas Hylland: Small Places, Large Issues; London, 2001; Seite 17
[7] Eriksen, Thomas Hylland: Small Places, Large Issues; London, 2001; Seite 182
[8] Barnard, Alan: History and theory in anthropology; Cambridge, 2004; Seite 65
[9] Eriksen, Thomas Hylland: Small Places, Large Issues; London, 2001; Seite 183

